Wenn ich heute an meine Kindheit denke, dann ist es erstaunlicherweise kein bestimmtes Bild, das mir als Erstes in den Sinn kommt. Es ist auch nicht der Geschmack eines besonderen Essens oder die Erinnerung an einen Menschen. Es ist ein Geruch. Der Geruch von frisch gezapftem Bier. Ich weiß, dass das zunächst etwas ungewöhnlich klingt. Für viele Menschen steht dieser Geruch wahrscheinlich für eine Kneipe oder einen langen Abend mit Freunden. Für mich bedeutet er etwas völlig anderes. Er bedeutet Kindheit.
Meine Großeltern führten in den siebziger und achtziger Jahren in Wuppertal auf der Friedrich-Ebert-Straße das Restaurant Zur Alten Schmiede. Damals war es weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Dort trafen sich Geschäftsleute, Handwerker, Familien, Vereine und auch immer wieder bekannte Persönlichkeiten. Für mich war das allerdings nie ein besonderes Restaurant. Es war einfach der Ort, an dem meine Großeltern arbeiteten und an dem ich einen großen Teil meiner Kindheit verbrachte.
Eine zweite Heimat
Mit ungefähr acht Jahren durfte ich anfangen mitzuhelfen. Natürlich nicht, weil ich musste, sondern weil ich unbedingt wollte. Ich war stolz, wenn ich Getränke an den Tisch bringen oder beim Abräumen helfen durfte. Wahrscheinlich war ich mehr im Weg als eine echte Unterstützung, aber ich hatte das Gefühl, dazuzugehören.
Wenn ich heute die Augen schließe, sehe ich zuerst die lange Theke vor mir. Dort saßen Menschen oft noch lange zusammen, obwohl die Gläser eigentlich längst leer waren. Es wurde erzählt, diskutiert und gelacht. Ich höre das Klirren der Gläser und irgendwo aus dem Keller das dumpfe Rollen der Kegelkugeln. Und über allem lag dieser Geruch von frisch gezapftem Bier. Damals war das für mich einfach normal. Heute merke ich, wie tief sich solche Erinnerungen einprägen.
Zur Alten Schmiede gehörte auch eine Kegelbahn. Dort trafen sich Vereine, dort wurde gefeiert und dort fanden, zumindest aus meiner damaligen Sicht, manchmal ziemlich wilde Partys statt. Für mich war sie aber vor allem der Ort, an dem ich viele meiner eigenen Geburtstage und auch die meiner Geschwister gefeiert habe. Während oben das Restaurant seinen ganz normalen Betrieb hatte, war unten meine Welt. Rückblickend war die Alte Schmiede deshalb nie einfach nur das Restaurant meiner Großeltern. Sie war für mich eine zweite Heimat.
Was ich damals noch nicht verstanden habe
Als Kind macht man sich über solche Dinge keine Gedanken. Man beobachtet einfach. Heute weiß ich, dass ich dort viel mehr gelernt habe, als mir damals bewusst war.
Meine Großeltern behandelten den Bürgermeister nicht anders als den Handwerker. Stammgäste wurden genauso herzlich begrüßt wie Menschen, die zum ersten Mal durch die Tür kamen. Man kannte Namen, erinnerte sich an Geschichten und wusste oft schon, was jemand trinken wollte, bevor überhaupt bestellt wurde. Damals sprach niemand von Customer Experience oder Hospitality. Es war einfach selbstverständlich, ein guter Gastgeber zu sein.
Leider endete diese Zeit viel zu früh. Mein Opa starb 1988 und meine Oma konnte das Restaurant alleine nicht weiterführen. Schweren Herzens verkaufte sie die Alte Schmiede. Ich war damals ungefähr zwölf Jahre alt und plötzlich gab es diesen Ort, der für mich so selbstverständlich gewesen war, nicht mehr. Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, wie sehr mich diese Zeit eigentlich geprägt hatte.
Der Ursprung meiner Unternehmenskultur
Als ich viele Jahre später mein erstes Unternehmen gründete, habe ich nie darüber nachgedacht, ob ich etwas aus der Alten Schmiede mitnehme. Rückblickend glaube ich aber, dass genau das passiert ist.
Natürlich wollte ich erfolgreiche Unternehmen aufbauen. Natürlich mussten unsere Leistungen gut sein und wirtschaftlich musste es funktionieren. Aber mindestens genauso wichtig war mir immer die Frage, wie sich ein Ort anfühlt. Kommen Menschen morgens gerne ins Büro? Bleiben Kundinnen und Kunden nach einem Termin noch auf einen Kaffee? Entstehen Gespräche, die gar nicht geplant waren? Gibt es Räume, in denen Menschen gerne noch ein paar Minuten länger bleiben, obwohl der eigentliche Termin längst vorbei ist?
Viele dieser Entscheidungen habe ich nie bewusst getroffen. Sie fühlten sich einfach richtig an. Vielleicht, weil ich als Kind erlebt hatte, dass Menschen zwar wegen eines Angebots kommen, aber wegen eines Gefühls wiederkehren. Ein Restaurant lebt nicht nur von seinem Essen. Es lebt von der Atmosphäre. Von den Menschen. Von dem Gefühl, willkommen zu sein. Ich glaube heute, dass Unternehmen ganz ähnlich funktionieren.
Manchmal schließt das Leben einen Kreis
Ich bin heute nur noch selten in Wuppertal. Wenn ich unterwegs bin, suche ich allerdings fast reflexartig nach einem guten Café mit eigener Rösterei. Specialty Coffee ist für mich längst mehr als Kaffee. Es ist oft der erste Ort, den ich in einer neuen Stadt kennenlernen möchte.
Vor einiger Zeit wollte ich deshalb herausfinden, ob es inzwischen auch in Wuppertal eine richtig gute Rösterei gibt. Als ich die Adresse las, musste ich zweimal hinschauen. Ausgerechnet dort, wo früher die Alte Schmiede meiner Großeltern war, befindet sich heute ein Café mit eigener Rösterei.
Als ich das erste Mal durch die Tür ging, fühlte sich das gleichzeitig vertraut und völlig neu an. Die Räume hatten sich verändert und aus dem Geruch von frisch gezapftem Bier war der Duft von frisch geröstetem Kaffee geworden. Natürlich musste ich auch in den Keller gehen. Ich wollte unbedingt wissen, ob es die alte Kegelbahn noch gibt. Sie ist tatsächlich noch da, allerdings wird sie heute nur noch als Lager genutzt. Ein bisschen schade fand ich das schon.
Als ich später mit meinem Kaffee dort saß, musste ich lächeln. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil ich den Gedanken schön fand, dass dieser Ort auch heute noch das tut, was er schon vor fünfzig Jahren getan hat. Er bringt Menschen zusammen. Früher bei einem Bier, heute bei einem Espresso oder Flat White. Irgendwie fühlt sich das richtig an.
Falls ihr einmal nach Wuppertal kommt und guten Kaffee mögt, kann ich euch das ChiCoffee wirklich empfehlen. Nicht nur wegen des hervorragenden Kaffees, sondern auch, weil dieser Ort für mich eine ganz persönliche Geschichte erzählt.
Vielleicht war es immer dieselbe Idee
Während ich diesen Artikel schreibe, wird mir etwas klar. Ich habe lange geglaubt, dass ich in meinem Leben ganz unterschiedliche Projekte verfolgt habe. Ein Restaurant hatte schließlich nichts mit einem IT-Unternehmen zu tun. Ein Büro nichts mit einer Kaffeerösterei. Und Unternehmenskultur nichts mit den Erinnerungen eines achtjährigen Jungen.
Heute glaube ich, dass all diese Dinge viel enger miteinander verbunden sind, als ich lange dachte.
Vielleicht ist genau das der rote Faden in meinem Leben. Orte zu schaffen, an denen Menschen gerne zusammenkommen.
Titelbild: Während ich diesen Artikel geschrieben habe, bin ich in den Nachlass meiner Mutter und meiner Oma hinunter in den Keller gegangen. Eigentlich wollte ich nur schauen, ob es vielleicht noch ein paar alte Fotos der Alten Schmiede gibt. Stattdessen fiel mir eine originale Postkarte des Restaurants in die Hände. Ehrlich gesagt hätte ich nicht damit gerechnet. Umso mehr freue ich mich, dass das Titelbild dieses Artikels kein KI-generiertes Bild meiner Erinnerung ist, sondern ein echtes Stück Familiengeschichte.

