Heute ist der 11. Mai 2026. Genau heute vor 20 Jahren saß ich mitten in den letzten Vorbereitungen. Heute Abend vor 20 Jahren klingelte es plötzlich an meiner Tür und zwei Anwälte standen davor. Und morgen vor 20 Jahren begann mit einer zerschnittenen Visitenkarte eine Reise, aus der später Nextwork entstehen sollte.
Wenn ich an den 12. Mai 2006 zurückdenke, dann denke ich nicht zuerst an die vielen Menschen, die Presse oder die völlig überfüllte Halle. Ich denke an dieses Gefühl kurz davor. An diesen Moment, in dem ich zum ersten Mal realisiert habe, dass aus einer Idee, die mich über viele Jahre begleitet hatte, plötzlich Realität geworden war.
Die Idee, die nicht verschwinden wollte
Die eigentliche Geschichte begann nämlich nicht erst in München, sondern schon viele Jahre früher in NRW. Anfang 2000 war ich kurz davor, in Köln ein Internetcafé zu eröffnen. Damals war das Internet noch etwas völlig anderes als heute. Kein WLAN an jeder Ecke, keine Smartphones, keine Coworking-Spaces, keine Menschen, die mit ihren Laptops den ganzen Tag in Cafés arbeiteten. Trotzdem hatte ich schon damals diese Vorstellung von einem Ort, an dem Menschen arbeiten, kreativ sein, sich austauschen und gerne Zeit verbringen. Ich wollte keinen Raum voller Rechner. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem Menschen gerne bleiben.
Der Plan stand praktisch schon, aber dann kam alles anders. Ich zog nach München und die Idee verschwand erstmal wieder im Alltag. Zumindest dachte ich das. In Wirklichkeit entwickelte sie sich über Jahre weiter. Aus dem ursprünglichen Internetcafé wurde nach und nach ein viel größeres Konzept. Ein Ort mit Arbeitsplätzen, die man flexibel mieten konnte — lange bevor überhaupt jemand von Coworking sprach. Menschen konnten dort arbeiten, Meetings machen, Kaffee trinken, Musik hören, kreativ sein und Teil einer Community werden. Heute wirkt das selbstverständlich. Damals konnten viele Menschen mit der Idee zunächst überhaupt nichts anfangen.
Die letzten Tage vor der Eröffnung waren vollkommen surreal. Meine beiden Brüder arbeiteten fast ohne Pause an der weißen Bar, die später zum Mittelpunkt des gesamten Raumes wurde. Gleichzeitig verwandelten wir die alte Werkstatt in dieses minimalistische Grau, das damals unglaublich modern und futuristisch wirkte.
Tagsüber Baustelle, nachts Code
Überall Kabel, Werkzeug, Verpackungen, Bildschirme, Farbeimer und leere Kaffeebecher. Schlaf spielte irgendwann keine wirkliche Rolle mehr. Parallel saß ich mit meinem Programmierer bis tief in die Nacht an der Website. Und trotzdem hatte ich die ganze Zeit dieses starke Gefühl, dass hier gerade etwas Besonderes entsteht.
Die Presse hatte sich zahlreich angekündigt, im Innenhof standen Foodtrucks bereit und immer mehr Menschen meldeten sich für die Eröffnung an. Für mich fühlte sich das damals riesig an. Gleichzeitig bestand das gesamte Unternehmen im Kern aus mir, einem Angestellten und einem Azubi. Keine große Finanzierung, keine Sicherheit. Nur diese Idee und der absolute Wille, daraus etwas Wirkliches zu machen.
Am Abend vor der Eröffnung dachte ich eigentlich, wir hätten es geschafft. Der Raum sah unglaublich aus, die Technik funktionierte, die Website war online und zum ersten Mal konnte ich mir wirklich vorstellen, wie dieser Ort voller Menschen aussehen würde.
Ich saß zuhause noch an den letzten Einstellungen der Website. Es war spät. Ich war völlig übermüdet, aber gleichzeitig voller Vorfreude auf den nächsten Tag. Irgendwann klingelte plötzlich die Tür. Wahrscheinlich hätte ich zu diesem Zeitpunkt mit allem gerechnet — aber nicht damit.
Vor der Tür standen zwei Rechtsanwälte.
Sie überreichten mir einen dicken Ordner mit einer Unterlassungserklärung. Ihr Mandant, ein großer Technologiekonzern aus Kalifornien, untersagte uns die Nutzung des geplanten Namens. Ich weiß noch genau, wie surreal sich dieser Moment angefühlt hat. Wochen und Monate voller Vorbereitung, die komplette Eröffnung stand unmittelbar bevor, die Visitenkarten waren längst gedruckt, die Website online, die Gäste eingeladen — und plötzlich sollte innerhalb weniger Stunden alles verschwinden.
Also begann mitten in der Nacht eine völlig absurde Rettungsaktion. Wir entfernten überall den Namen. Aufkleber. Drucke. Dateien. Website. Alles musste angepasst werden. Die bereits gedruckten Visitenkarten schnitten wir von Hand auseinander, damit wir sie wenigstens irgendwie noch verteilen konnten. Die Domain durften wir ebenfalls nicht mehr nutzen, also mussten wir kurzfristig alles auf meine persönliche Website umstellen. Während draußen eigentlich längst alles auf die große Eröffnung vorbereitet war, saßen wir nachts zwischen Rechnern, Papierstapeln und abgeschnittenen Karten und versuchten einfach nur, den nächsten Morgen möglich zu machen.
Ich weiß noch, wie ich irgendwann dachte: Das kann gerade unmöglich wirklich passieren.
Chaos, Risiko und Improvisation
Und wenige Stunden später saß ich dann vorne auf dieser weißen Theke. Vor mir ein komplett voller Raum. Menschen überall. Die Presse. Kameras. Erwartung. Eigentlich hatte ich mir diesen Moment völlig anders vorgestellt. Ich wollte dort voller Euphorie unsere Idee präsentieren und erzählen, warum ich daran glaube, dass Menschen in Zukunft anders arbeiten werden. Dass Arbeit, Community, Kreativität und Begegnung viel stärker miteinander verschmelzen. Dass Orte entstehen werden, an denen Menschen nicht nur arbeiten, sondern sich verbunden fühlen.
Stattdessen hielt ich plötzlich eine zerschnittene Visitenkarte in der Hand und musste erstmal erklären, was in der Nacht davor passiert war.
Irgendwann hielt mir Claus Kruesken vom Bayerischen Rundfunk plötzlich das Mikrofon hin und wollte alles wissen. Woher die Idee kam. Warum wir das machen. Was dieser Ort eigentlich sein soll. Ich saß dort, völlig übermüdet nach Tagen ohne echten Schlaf, vor diesem komplett gefüllten Raum, und habe plötzlich verstanden, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt.
Was ich damals nicht ahnen konnte: Dass genau dieses ursprüngliche Konzept so gar nicht funktionieren sollte. Und dass zwanzig Jahre später ein Unternehmen wie Nextwork daraus entstanden sein würde.
Rückblickend glaube ich, dass genau dieser Moment perfekt zu meiner gesamten Unternehmerreise passt. Nicht wegen der Unterlassungserklärung oder der zerschnittenen Visitenkarten. Sondern weil Unternehmertum oft genau so beginnt. Nicht mit perfekten Bedingungen, sondern mit Chaos, Risiko, Improvisation und dem festen Glauben daran, dass die Idee trotzdem funktionieren kann.
Das Bild zu diesem Artikel wurde aus meinen Erinnerungen mit Hilfe von KI generiert. Obwohl damals viele Kameras auf mich gerichtet waren, habe ich bis heute kein Foto von genau diesem Moment gefunden. Aber in etwa so war es damals — zumindest in meiner Erinnerung. Wenn das hier gerade jemand liest, der ein Foto davon hat: Bitte bei mir melden.





