Warum mit Compliance die Stunde der echten Unternehmer schlägt. Mein Gastbeitrag bei Horizont online.

 – Dieser Artikel erschien als Gastbeitrag in der Horizont online am 16. Februar 2021

Sowohl 2020 als auch 2021 war beziehungsweise ist für Unternehmer ein echter Augenöffner. Die Frage lautet: Kann das Geschäft von einem Tag auf den anderen einfach weiterlaufen? Nicht nur aufgrund der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Herausforderungen. Sondern auch aufgrund neuer Vorschriften wie beispielsweise neuer EU-Richtlinien, die Kunden oder Auftraggeber einfordern und die quasi sofort und nahtlos, plug and play, remote und digital funktionieren müssen.Viele sind dabei an ihre Grenzen gestoßen, ob Industrieunternehmen, Mittelständler oder auch Kreativagentur. Aber bei manchen hat es auch richtig gut funktioniert. So gut, dass sie sich fragen, ob sie überhaupt jemals wieder ins Büro und/oder ihren alten Habitus zurückkehren wollen. Die interessante Frage dabei: Was ist der entscheidende Faktor, der hier den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg macht?

Dieser Faktor ist nicht etwa eine schnelle Internetleitung oder ein Zoom-Account; auch nicht, ob man, wie es oft schwammig heißt, „digital“ aufgestellt ist. Vielmehr geht es um eine Struktur, die Unternehmen parat haben müssen und die sehr in die Tiefe geht: ein funktionierendes Management-System gepaart mit der Tatsache, dass das Unternehmen dieses frühzeitig an den Start gebracht hat. Damit ist nicht eine konkrete Software gemeint, sondern vielmehr das Zusammenspiel von definierten Regeln und Prozessen sowie deren fortlaufende Verbesserung und Überprüfung.

Compliance ist das Zauberwort

Basis und Ausgangspunkt ist die Compliance: Hier stehen die Regeln, die das Management-System auf die Straße bringt. Compliance, das bedeutet die Einhaltung von vertraglichen und gesetzlichen Vorgaben, aber auch die Vorgaben aus Zertifizierungen. Unter Compliance fallen Themen, die alle Bereiche und Prozesse des Unternehmens betreffen können, zum Beispiel Informationssicherheit, Cyber-Sicherheit, Datenschutz, Qualität oder Nachhaltigkeit.

Damit es nicht langweilig wird, sind Compliance-Themen ständig in Bewegung: Oftmals liegen sie schon länger in der Luft oder tauchen ganz abstrakt zum Beispiel in einer EU-Richtlinie auf – wie es etwa 2018 beim Datenschutz der Fall war. Oder aber sie starten ihre Karriere als eine ISO-Norm. Oder eine mächtige Branche tut sich zusammen und verfasst einen neuen Sicherheitsstandard, den sie fortan von ihren Zulieferern verlangt. So war es etwa 2017 mit TISAX, dem neuen Informationssicherheitsstandard des VDA, des Verbands der Automobilindustrie.

Ballt sich ein solches Thema zusammen, geht oft alles ganz schnell: War es eben noch eine abstrakte EU-Richtlinie, flattert auf einmal ein Brief oder eine E-Mail ins Haus, die das Unternehmen zum Audit auffordert – oft ein harter Reality Check. Denn jetzt müssen Unternehmer nachweisen und gegebenenfalls zertifizieren lassen können, dass diese Regularien erfüllt sind. Verstöße werden mit Strafen oder dem Ausschluss aus dem Lieferantenverzeichnis geahndet.

„Kreatives Chaos“ ist keine Lösung

Bei manchen Unternehmern rufen Compliance-Themen fast schon allergische Reaktionen hervor. Sie werden als leidiges Übel angesehen, viele fühlen sich durch Bürokratie gegängelt und durch sinnlose Regularien vor sich hergetrieben. Gerade in der Kreativbranche, fällt es oft schwer, die Weichen zu stellen. Denn hier galt das „kreative Chaos“ lange Jahre als Nimbus und der ein oder andere Agentur-Chef ist manchmal sogar regelrecht stolz darauf.

Zum Glück für die deutsche Agenturlandschaft gibt es aber auch die anderen. Das sind Agenturchefs mit der Haltung des selbstbestimmten Unternehmertums, die sich weiterentwickeln wollen und den permanenten Wandel als die einzige Konstante nicht nur akzeptieren, sondern zum Prinzip machen.

Compliance als mächtiger Hebel für Veränderung

Also weg mit dem Chaos und hin zu mehr Bewusstsein für die Werthaltigkeit der eigenen Prozesse. Unternehmer, die erkennen, welche Chancen und Potenziale in der aktiven Arbeit daran liegen, sind auch gewillt, zu investieren. Auch sind sie immer selbst von Anfang an mit an Bord. Sie haben erkannt, dass in einem gut aufgesetzten Management-System ein mächtiger Hebel liegt, Themen im eigenen Unternehmen auf die Straße zu bringen. Und sie damit den Schlüssel zu kreativem und nachhaltig erfolgreichem Unternehmertum in der eigenen Hand halten.

Besonders häufig sind das übrigens Unternehmen, in denen die nachfolgende Generation übernimmt: Hier kann Compliance einen sehr effizienten Kulturwandel einleiten und die junge Unternehmergeneration kann sie dazu nutzen, neue Themen wie Informationssicherheit, Homeoffice, Nachhaltigkeit oder auch eine zukunftsfähige IT aufzusetzen.

Welches andere Tool hat diese Durchschlagskraft? Jahrelang haben Agenturen gerade in der Kreativbranche Marke und Markenidentität als das Instrument gesehen, um gelebte Kultur auf die Straße zu bringen. Aber hält dieses Versprechen wirklich stand, wenn Lippenbekenntnisse zertifizierbar werden müssen? Wohl kaum. Deshalb sollten Unternehmer sich am Standard orientieren, den zum Beispiel TISAX oder CSR vorgeben. Aber wirklich jeder sollte diesen Prozess zum Anlass nehmen, sich der eigenen Haltung bewusst zu werden. Und seine eigene Compliance schreiben.