Part-Time CEO. Zwei Jahre später, immer noch schwer zu erklären

2022 habe ich einen Artikel darüber geschrieben, dass ich Part-time CEO werden will. Damals war es eher ein Weg, ein Gedanke, vielleicht auch ein etwas mutiger Eintrag in meiner LinkedIn Headline. Ich hatte mir vorgenommen, diese Rolle anders zu leben. Weniger selbstverständlich immer verfügbar. Weniger abhängig von mir als Person. Mehr mit Abstand. Mehr mit Vertrauen. Mehr so, wie ich mir moderne Arbeit eigentlich vorstelle.

Danach habe ich lange kein Update mehr gegeben. Nicht, weil das Thema verschwunden war. Im Gegenteil. Es ist in meinem Alltag sehr präsent. Nur ist es gar nicht so leicht, darüber zu schreiben, ohne dass es entweder nach Stundenmodell, Selbstoptimierung oder neuer Managementmethode klingt. Genau das ist es für mich aber nicht.

Ich werde immer wieder gefragt: Was heißt das eigentlich, du bist Part-time CEO? Diese Frage bekomme ich von Unternehmerinnen und Unternehmern, von Mitarbeitenden, von Freunden, manchmal auch mit einem Lächeln. Und ich verstehe das. Part-time CEO klingt erst einmal wie ein Widerspruch. Als könnte ich Verantwortung einfach auf halbe Tage verteilen. Als gäbe es montags bis mittwochs Unternehmensführung und donnerstags bis sonntags Privatleben. So ist es natürlich nicht.

Dieser Artikel ist deshalb kein Beweis, dass ich es geschafft habe. Er ist eher mein Versuch, auf eine Frage zu antworten, die viel größer ist, als sie klingt. Was ist Arbeit, wenn man liebt, was man tut? Was ist Freizeit, wenn Verantwortung nicht einfach aufhört? Und wie kann ich als CEO New Work ernst meinen, wenn ich sie nicht auch selbst lebe?

Es geht nicht um eine Zahl

Wenn ich über Part-time CEO spreche, lande ich manchmal bei Zahlen. Früher waren es gefühlt 140 Wochenstunden. Heute sind es vielleicht 70? Vielleicht auch nicht. Ich messe das nicht. Und ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass ich diese Rolle überhaupt sauber messen könnte. Die Zahlen sind eher ein Bild. Ein Bild dafür, wie groß die Last früher war. Und wie sehr sie sich verändert hat.

Denn die eigentliche Frage ist für mich nicht: Wie viele Stunden arbeite ich? Die eigentliche Frage ist: Was ist überhaupt Arbeit? Wenn ich nachts wach liege, weil eine Entscheidung noch nicht getroffen ist, ist das Arbeit? Wenn ich morgens unter der Dusche plötzlich eine Lösung finde, ist das Arbeit? Wenn ich am Wochenende nicht aktiv am Laptop sitze, aber trotzdem über ein Gespräch, eine Zahl oder einen Menschen im Team nachdenke, ist das Arbeit? Ich weiß es nicht. Und ich glaube, viele Inhaber, Gründerinnen und CEOs wissen es auch nicht.

Der Verantwortungsrucksack hat keine Bürozeiten

Von außen sieht bei Nextwork vieles nach Sonnenschein aus. Und vieles fühlt sich auch von innen so an. Wir haben ein starkes Team, schöne Projekte, ein tolles Büro, viel Energie und eine Kultur, auf die ich wirklich stolz bin. Aber die Wahrheit ist auch: Wir haben unsere Themen. Natürlich haben wir die. Jedes Unternehmen hat sie. Auch wir haben schwierige Entscheidungen, offene Fragen, Reibung, Unsicherheit, finanzielle Verantwortung, Personalthemen, Erwartungen von Kunden, strategische Weichenstellungen und Momente, in denen ich nicht sofort weiß, was richtig ist.

Ich trage davon jeden Tag sehr viel mit mir herum. Weniger als früher, ja. Aber immer noch viel. Gerade weil ich Gründer bin. Und damit auch der Dienstälteste. Es gibt Aufgaben und Bereiche, die niemand von außen sieht. Viele sind schön. Manche sogar sehr schön. Aber viele sind auch fordernd. Und sie verschwinden nicht, nur weil der sichtbare Teil des Unternehmens gut aussieht.

Für mich macht es dabei einen Unterschied, ob Gründerinnen und Gründer ein Unternehmen mit eigenem finanziellen Risiko aufbauen und führen. Nicht mit fremdem Kapital. Nicht mit Spielgeld. Sondern mit dem, was im Zweifel wirklich das eigene Leben betrifft. Ich will damit andere Formen von Unternehmertum nicht kleiner machen. Aber für mich fühlt sich diese Verantwortung anders an. Tiefer. Persönlicher. Ich stecke nicht nur mit Zeit, Ideen und Energie drin. Ich stecke mit allem drin. Und genau deshalb ist auch die Abhängigkeit von der eigenen Person am Anfang so tief.

Ich liebe, was ich mache. Das ist ein wichtiger Teil der Wahrheit. Ich denke nicht über Nextwork nach, weil ich muss. Ich denke oft darüber nach, weil es mich interessiert. Weil ich gestalten will. Weil mir Menschen, Entscheidungen und Entwicklungen nicht egal sind. Unternehmertum ist für mich kein Job, den ich morgens anziehe und abends wieder ausziehe. Aber genau darin liegt auch die Gefahr.

Wenn ich liebe, was ich tue, merke ich manchmal zu spät, dass es trotzdem zu viel ist. Sinn schützt nicht automatisch vor Erschöpfung. Purpose ersetzt keinen Schlaf. Und Verantwortung verschwindet nicht, nur weil ich sie gerne trage. Ich nenne das manchmal den Verantwortungsrucksack. Den trage ich als Inhaber und CEO einfach mit mir herum. Nicht immer schwer. Nicht immer bewusst. Aber er ist da. In diesem Rucksack liegen tausend Entscheidungen. Manche groß, manche klein. Manche längst getroffen, aber innerlich noch nicht abgeschlossen. Manche schiebe ich vor mir her, weil ich weiß, dass sie Konsequenzen haben. Für Menschen. Für Geld. Für die Zukunft des Unternehmens. Und dieser Rucksack steht nicht abends um 18 Uhr ordentlich in der Garderobe. Er kommt mit nach Hause. Manchmal auch mit ins Bett.

Deshalb ist Part-time für mich kein Stundenmodell

Part-time CEO bedeutet für mich nicht, dass ich montags bis mittwochs CEO bin und danach nicht mehr. So funktioniert diese Rolle nicht. Es bedeutet auch nicht, dass meine Verantwortung kleiner geworden ist. Im Gegenteil. Die Verantwortung ist da. Sie ist vielleicht sogar klarer geworden. Aber ich versuche heute bewusster zu entscheiden, wann ich ihr folge und wann nicht.

Nicht jeder Gedanke muss sofort zu Ende gedacht werden. Nicht jedes Problem muss heute gelöst werden. Nicht jede offene Frage braucht noch am selben Abend eine Antwort. Und nicht alles, was ich theoretisch machen könnte, muss ich auch machen. Das klingt einfach. Für mich war es das nicht. Weil es sich lange richtig angefühlt hat, noch schnell etwas zu erledigen. Noch schnell zu antworten. Noch schnell eine Entscheidung vorzubereiten. Noch schnell ein Problem aus dem Weg zu räumen. Nur ist „noch schnell“ irgendwann ein Lebensmodell. Und genau das wollte ich nicht mehr.

Nicht alleine ist die einzige Lösung

Ich glaube nicht mehr daran, dass ich diese Rolle gesünder leben kann, indem ich einfach disziplinierter werde. Klar, Routinen helfen. Sport hilft. Urlaub hilft. Handy weglegen hilft auch manchmal. Aber die eigentliche Lösung ist eine andere: abgeben. Nicht symbolisch. Nicht so, dass am Ende doch alles wieder bei mir landet. Sondern wirklich.

Verantwortung abgeben. Entscheidungen abgeben. Wissen abgeben. Kontrolle abgeben. Und damit auch Abhängigkeit abbauen. Je mehr ich abgebe, desto mehr Vertrauen entsteht. In andere Menschen. In Strukturen. In das Unternehmen selbst. Und je mehr Vertrauen entsteht, desto weniger hängt an meiner Person.

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt an meinem Weg zum Part-time CEO: Ich arbeite nicht nur weniger in meinem Kopf, weil ich mich besser organisiere. Ich arbeite weniger in meinem Kopf, weil andere mehr Verantwortung tragen können und wollen. Nicht alleine. Das ist der Hebel. Und es ist auch der gesündere Gedanke.

Das Level bleibt hoch

Ich will dabei nichts romantisieren. Was für mich Teilzeit bedeutet, ist für viele wahrscheinlich einfach Vollzeit. Vielleicht sogar mehr als Vollzeit. Das liegt an der Rolle. An der Verantwortung. An der Art, wie inhabergeführte Unternehmen funktionieren.

Gerade wenn ich gegründet habe, bleibt die Verbindung besonders. Auch wenn es Partner gibt. Auch wenn es ein starkes Team gibt. Auch wenn viele Menschen Verantwortung übernehmen. Am Ende gibt es diese innere Gesamtverantwortung, die ich nicht einfach aus dem Handelsregister herausdelegieren kann. Das Level bleibt hoch. Aber es ist nicht mehr grenzenlos. Und das ist der Unterschied.

Der Chef, der nicht immer da ist

Im Alltag versuche ich, Part-time CEO nicht nur innerlich zu leben, sondern auch sichtbar. Ich bin nicht der, der immer da ist. Ich bin nicht der Chef, der morgens als Erster kommt und abends als Letzter geht. Ich möchte nicht, dass jemand bei Nextwork ein schlechtes Gefühl bekommt, weil er nach mir kommt oder vor mir geht. Ich möchte nicht, dass Anwesenheit mit Einsatz verwechselt wird. Und ich möchte schon gar nicht, dass Menschen denken, sie müssten meine Arbeitsweise kopieren.

Denn das passiert schneller, als ich früher dachte. Als CEO bin ich immer Vorbild. Auch dann, wenn ich es gar nicht sein will. Das Team schaut nicht nur auf das, was ich sage. Es schaut auf das, was ich tue. Wann ich Mails schreibe. Wann ich online bin. Wann ich Urlaub mache. Ob ich wirklich loslasse. Ob ich anderen wirklich vertraue.

Deshalb ist Part-time für mich auch ein kulturelles Signal. Ich will zeigen: Es ist erlaubt, anders zu arbeiten. Es ist erlaubt, Grenzen zu haben. Es ist erlaubt, Verantwortung zu tragen, ohne sich selbst zu verlieren. Und ja: Das gilt auch für den CEO.

New Work muss oben anfangen

Wir reden viel über New Work. Über Flexibilität, Remote Work, Teilzeit, Vertrauensarbeitszeit und Selbstbestimmung. Alles wichtig. Aber ich glaube, New Work wird erst dann wirklich ernst, wenn sie auch für mich gilt. Sonst bleibt sie schnell ein Angebot für andere und kein echtes Prinzip.

Wenn ich möchte, dass Menschen bei uns gut arbeiten können, dann muss ich auch zeigen, dass Arbeit nicht alles auffressen darf. Nicht jeden Abend. Nicht jedes Wochenende. Nicht jede freie Minute. Und auch nicht jeden Gedanken. Das ist für mich eng mit Mental Health verbunden. Nicht im Sinne eines großen Programms oder eines Posters an der Wand. Sondern ganz praktisch: Darf ich wirklich abschalten? Darf ich sagen, dass es gerade viel ist? Darf ich eine Grenze setzen, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen?

Wenn die Antwort ja sein soll, dann muss ich diese Antwort auch selbst leben. Nicht perfekt. Aber sichtbar.

Warum ich das öffentlich schreibe

Ich schreibe das nicht, weil ich ein fertiges Modell verkaufen will. Ich habe keins. Ich schreibe es, weil ich ehrlicher über Arbeit sprechen möchte. Gerade dort, wo Arbeit Sinn macht. Gerade dort, wo ich Verantwortung trage. Gerade dort, wo ich schnell sagen könnte: Das gehört halt dazu.

Ja, vieles gehört dazu. Aber nicht alles muss bleiben, wie es immer war. Part-time CEO ist für mich kein Rückzug. Es ist auch kein Trick, um weniger zu machen und trotzdem denselben Titel zu tragen. Es ist mein Versuch, Führung anders zu leben. Bewusster. Gesünder. Weniger abhängig von mir. Mehr getragen von anderen.

Vielleicht ist das am Ende die beste Definition: Ich bin nicht weniger CEO. Ich bin weniger der einzige.


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